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Wie entsteht (m)eine Kollektion?


Eine Kollektion zu erstellen ist ein ziemlich umfangreiches Unterfangen - auch wenn sie nur so klein ist wie meine zurzeit. Bei großen Firmen sind natürlich sehr, sehr viel mehr Menschen damit befaßt als bei mir.

Ich gehe meistens so vor:

Als erstes überlege ich mir, welche Farben, Muster und Materialien ich gerne verwenden würde und welche Artikel ich anbieten möchte (Blusen, T-Shirts, Jacken etc) und wie alles zusammen passt. Die Auswahl der Stoffe wird immer schwieriger, denn die großen Firmen lassen nur noch exakt die Stoffmengen produzieren, die sie für ihre Kollektionen wirklich brauchen. Früher gab es viel mehr "Überhänge", also Reststoffe, die die kleinen DesignerInnen dann in kleinen Mengen und relativ günstig kaufen konnten. Dadurch kamen wir an viel schönere Dessins und sehr viel bessere Qualitäten. Nun wird das meiste Material in China produziert und ist größtenteils nicht so hochwertig und von recht durchschnittlichem Design.

Da ich mich aber überall nach schönen Stoffen umschaue und immer wieder fündig werde, kommt es oft vor, dass ich schon Materialien für die nächste Saison eingekauft habe, bevor ich überhaupt genau weiß, was ich für Modelle machen möchte. Also nehme ich meine Auswahl zur Hand und überlege, was daraus werden soll und mache mich daran, mir neue Schnitte zu überlegen, oder vorherige zu überarbeiten, bzw. den einzelnen Stoffen zuzuordnen. Dann suche ich noch passende stoffliche Ergänzungen dazu oder überlege, für welche Modelle ich noch keine oder nicht genügend Stoff habe und kaufe gezielt Ware dazu.

Bei einer Schnittentwicklung lasse ich mich oft von einem Modefoto inspirieren, das mir gefällt. Als nächstes mache ich eine Skizze, wie ich mir meinen Entwurf vorstelle. Dann setze ich mich mit meiner Schnittdirektrice/ Schnittmacherin zusammen und bespreche mit ihr, wie ich mir mein Modell vorstelle.

Eine Schnittdirektrice ist darauf spezialisiert, Designentwürfe von der zweidimensionalen Form, also einer Zeichnung oder einem Foto, zu einer dreidimensionalen Form, also einem Kleidungsstück, werden zu lassen. Dafür muss sie ein Schnittmuster erstellen, mit dem die Form erst mal aus dem Stoff ausgeschnitten werden kann, um dann entsprechend der Markierungen zusammengenäht werden zu können. Das ist eine wahre Meisterleistung, da diese Umformung ein hohes Maß an räumlichem Vorstellungsvermögen, technische Kenntnisse und viel Erfahrung erfordert! Außerdem muß sie wissen, wo und wie z.B. Abnäher, Brustpunkte, Rückenlängen usw. gesetzt werden und wie sich das auf das gesamte Erscheinungsbild auswirkt.

Nachdem ich den ersten Schnittentwurf erhalten habe, lasse ich erst mal eine Probe nähen, bzw. nähe selber eine, damit wir sehen könne (meistens an einer Schneiderpuppe), wie das neue Teil sitzt und was eventuelle geändert werden muß.

Dann wird eine weitere Probe genäht.

Wenn alles stimmt, muß das Schnittmuster noch "gradiert" werden. Das heißt, es muß ein Satz anderer Größen - bei meiner Kollektion meistens von S-XL - erstellt werden.

Das ist auch wieder die Aufgabe der Direktrice. Kleine Änderungen kann ich inzwischen auch selber vornehmen. Dann müssen natürlich alle Schnitteile ausgeschnitten werden. Inzwischen machen wir das wieder per Hand, nachdem meine Schnittmacherin keinen Zugang mehr zu digitalen Instrumenten hat. (Alleine der "Plotter", der die Teile automatisch ausschneidet, kostet ein Vermögen!!)

Das alleine ist schon wirklich aufwändig und daher erklärt sich, dass ich pro Saison nicht so viele neue Modelle anbiete. Schließlich muss sich dieser Aufwand auch rechnen und die Modelle müssen in größerer Stückzahl verkauft werden, damit sie die Herstellungskosten und darüber hinaus einen Gewinn einspielen.

Nachdem ich also die Schnitte und Stoffe vor mir liegen habe, mache ich mich an die Auswahl der Zutaten, also Knöpfe, Reißverschlüsse, Futterstoffe etc. Ich füge dann alles zu einer Liste zusammen, auf der ich den Namen des Modells, das Material, die Größen, die Anzahl und eventuelle weitere Bemerkungen gesammelt habe. Diese Liste bringe ich dann mit allen Zutaten zusammen zu meiner Schneiderei in Brandenburg, die sich an die Produktion meiner neuesten Werke machen wird.

Das Ergebnis ist leider nicht immer so, wie ich es mir gedacht hatte. So kann es passieren, dass ein oder mehrere Stoffe ganz anders ausfallen, z.B viel größer oder kleiner als bei der Nähprobe. (Es würde viel zu viel Aufwand bedeuten, jedes Stück aus jedem zu verarbeitenden Stoff vorab zu fertigen...) Oder ein Entwurf ist am Ende einfach nicht so gelungen, sitzt bei den anderen Größen nicht gut und, und, und. So kommt es also zu den von mir sehr "geliebten" Fehlproduktionen und schmälert noch mal den Ertrag.

Angesichts dieser gesamten Prozedur und der Kosten für die ganze Handarbeit - und das noch in Deutschland! - kann man/frau wirklich nicht davon sprechen, dass meine Sachen teuer sind. Im Vergleich zu den Produkten der großen Modefirmen, die ja allesamt im billigen Ausland unter katastrophalen Bedingungen gefertigt werden, sieht das allerdings so aus. Verglichen mit anderen Kollektionen, die in Deutschland hergestellt werden, befinden sich meine Preise eher sehr am unteren Ende.

Dieser Umstand wird übrigens nur dadurch möglich, dass ich in einem sehr kleinen Atelier mit angegliedertem Showroom zu einer sehr geringen Miete (das Haus gehört einer Stiftung) arbeite und dass meine Schneiderei zu erstaunlich guten Bedingungen für mich produziert (andere Betriebe nehmen z.B. solche Mikromengen, wie ich sie bestelle, gar nicht mehr an und schon gar nicht für solch einen Kurs). Außerdem vertreibe ich meine Sachen direkt an meine Kundinnen. Würde ich meine Mode an andere Läden verkaufen, müssten die Ladenbesitzer ja noch einmal sehr viel auf den Einkaufspreis aufschlagen, damit es sich für sie auch lohnt, sie in ihrem Geschäft zu vertreiben. Entsprechend müsste ich meine Kollektion genauso teuer machen wie sie, damit ich ihnen keine Konkurrenz mache...

Ich hoffe, dieser kleine Einblick in die Welt der Modeherstellung ist auf Ihr Interesse gestoßen und hat Ihnen neue Erkenntnisse vermittelt.


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